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Postindustrielle Ökonomie | Web-Business

Postindustrielle Ökonomie

Die Ökonomie als angewandte Ethik erhält innerhalb des Web-Business neue Deutungen. Die Abgrenzungen zwischen Haushalten und Unternehmen verschwimmen. Für den Erfolg ist der Einsatz von Know-how wesentlicher als die Produktionsfaktoren Kapital und Boden. Die Arbeit wird orts- und zeitunabhängig erbracht. In der postindustriellen Ökonomie sind die Arbeitsergebnisse virtuell, ebenso wie die Märkte, die Unternehmen, die Güter und ansatzweise auch das Geld. Die neoklassische Wirtschaftslehre findet ideale Bedingungen in der virtuellen Ökonomie des neuen Wirtschaftssektors vor.

Die postindustrielle Gesellschaft erschließt mit dem vierten Sektor der virtuellen Ökonomie neue Potenziale und neue Wachstumsmöglichkeiten für das Web-Business. Die ökonomischen Sachverhalte werden neu interpretiert, denn virtuelle Güter auf virtuellen Märkten erfordern neue Strategien. Neue Potenziale steigern die Erträge und neue Methoden hinsichtlich Controlling und Optimierung senken die Kosten in konventionellen Prozessen.

In diesem Menüpunkt erläutern wir

  • Die Entstehung des neuen vierten Sektors in der Ökonomie
  • Die Potenziale der virtuellen Ökonomie
  • Das Wecken neuer Bedürfnisse durch Marketing
  • Die Reduktion von Kosten in den konventionellen drei Sektoren
  • Den Prozess der Expansion in neue Potenziale
  • Die Entstehung neuer Geschäftsfelder anhand von Fallbeispielen

Der Begriff Ökonomie[1] wird in jeder Gesellschaft in Abhängigkeit von Rahmenbedingungen, Werten und Zielsetzungen neu gedeutet. Ein gemeinsamer Nenner könnte lauten: Ökonomie ist angewandte Ethik. Für die moderne Gesellschaft hat Paul A. Samuelson die Wirtschaftslehre sogar noch weiter eingegrenzt und sie wie folgt auf die Organisation der Güterbeschaffung und -verteilung reduziert: Volkswirtschaftslehre ist die Wissenschaft vom Einsatz knapper Ressourcen durch die Gesellschaft zur Produktion wertvoller Wirtschaftsgüter und von der Verteilung dieser Güter unter ihren Mitgliedern.[2]

In dieser Ökonomie der westlichen, technisch orientierten Gesellschaften werden einige ökonomische Gesetze als gegeben angenommen. Die Einteilung der Akteure in Unternehmen, Haushalte und Staat ist allgemein anerkannt. Wie selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass die Ökonomie Kapital benötigt und sich das Kapital verzinsen soll. Güter werden auf Märkten angeboten und verkauft. Die Unternehmen fertigen Güter in Produktionsprozessen an, in denen Einsatzfaktoren wie Boden, Arbeit und Kapital kombiniert werden und die einen technischen Fortschritt realisieren. Große Unternehmen sind im Vorteil, weil sie ihre Fixkosten besser auslasten und die fortschreitende Arbeitsteilung zu einem Wettbewerbsvorteil ausbauen.

Die Ökonomie erfährt eine situationsbezogene Deutung und wird unter den Rahmenbedingungen der Kultur und Ethik der Gesellschaft bestimmt. Nicht nur das Handeln der Akteure ist zweckrational, sondern die gesamte Klassifizierung der Dinge und Zusammenhänge. In der Wüste ist der Sand ein freies Gut, in Baumärkten wird er als knappes Gut verkauft. In einem Kraftwerk wird mehr CO2 als Elektrizität hergestellt. Allgemeingültig ist der Gedanke, dass Elektrizität einen Wert hat, CO2 aber als Abfall entsorgt werden muss. Ein Schuh wird in der Regel als Konsumgut betrachtet, als Arbeitsschuh stellt er ein Vorprodukt dar. Auf virtuellen Märkten im Web kann der Akteur sowohl Käufer als auch Verkäufer eines Gutes sein. Der Computer senkt die Kosten im Unternehmen und hebt als Jobkiller gleichzeitig die Kosten in der Sozialversicherung. Was also ist die Ökonomie?

Ökonomische Grundannahmen, Ordnungen und Ergebnisse werden von der Ökonomie im Web auf den Kopf gestellt. Auf einer Handelsplattform wie Ebay steht es jedem Teilnehmer frei, seine Position selbst zu bestimmen. Er kann Anbieter und Nachfragender sein, Unternehmer oder Haushalt. Für seine ökonomische Betätigung benötigt er kaum Kapital und keinen Boden, aber viel Know-how zum Medium und seinen Möglichkeiten. In einem virtuellen Spiel werden Güter gehandelt, die lediglich aus einer Programmzeile oder einem Eintrag in einer Datenbank bestehen. Die Teilnehmer zahlen diese virtuellen Güter mit virtuellem Geld und spielen das Spiel zu Zeiten, wo andere Menschen einer geregelten Arbeit nachgehen. Dafür arbeiten diese Spieler in einer Hotel-Lobby am Laptop, wenn die anderen schlafen.

Im engeren Sinne ist Ökonomie eine Buchhaltung, die das Ergebnis der Aktionen von Menschen einer Gesellschaft zusammenzählt. In einem etwas weiteren Sinne sucht sie in dieser Buchhaltung nach Regeln, um die zukünftigen Aktionen der Menschen in einer Gesellschaft vorauszusagen. Dabei beschränkt sie sich auf die quantifizierbaren Größen, die in Geldeinheiten umgerechnet werden. Für diese Regeln wird teilweise sogar der Begriff Gesetze verwendet.

Welche ökonomischen Gesetze sind auf das Web-Business anwendbar und wie schnell ändern sich diese? J. A. Schumpeter hat als einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts bereits ohne Kenntnisse der Web-Revolution vor der Absolutsetzung dieser Gesetze gewarnt: Es trifft jedoch zu, dass ´ökonomische Gesetze` weit weniger Bestand haben als naturwissenschaftliche ´Gesetze`, dass sie sich unter andersartigen institutionellen Verhältnissen auch andersartig auswirken und dass die Außerachtlassung dieser Tatsache zu mancher Fehldeutung führt.[3]

In diesem Sinne bleibt die postindustrielle Ökonomie im Rahmen des traditionellen Verständnisses der Wirtschaft, allerdings werden die Begriffe und Werte auf das ökonomisch Umsetzbare reduziert. Die Bedürfnisse werden so gestaltet, dass sie mit virtuellen Gütern befriedigt werden können. Die Märkte sind virtuell und liefern in Computerschnelle die Informationen, auf deren Basis quasi-rational entschieden werden kann. Die Auslieferung der virtuellen Güter erfolgt ohne Zeitverzug und Lagerhaltung. Die ökonomische Theorie und Lehre konnte in der Industriegesellschaft nicht an die praktisch beobachteten Entwicklungen und Prozesse angepasst werden, weil das reale Leben zu komplex für die Modelle ist. In der postindustriellen Ökonomie werden die Bedürfnisse, Verhaltensweisen, Entscheidungsgrundlagen, Märkte und Güter auf die virtuelle Informationstechnik eingeschränkt. Sie werden wirtschaftlich kalkuliert, in Modellen abgebildet und optimiert. Die Kunstfigur des Homo oeconomicus ist Wirklichkeit geworden, weil der echte Mensch wegdefiniert wurde.

 

[1] Der zentrale Begriff der Ökonomie geht auf den griechischen Philosophen Aristoteles zurück. Die Wirtschaft leitete er von der Hauswirtschaft ab. Dafür prägte er das Wort Oikonomia, um die Analyse der Hauswirtschaft als die Befriedigung von Bedürfnissen zu beschreiben, und den weniger bekannten Begriff der Chremastia, welche die Regeln des Tausches untersucht. Ökonomie leitet sich aus den griechischen Worten οἶκος oíkos Haus und νόμος nomos Gesetz ab.

[2] Samuelson, Nordhaus 1998: S. 28

[3] Schumpeter 2009: S. 68 f.

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